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Das krimsche Märchen der Neuzeit

Die Parabel der hohen Tiere – ein krimsches Märchen der Neuzeit

Aschenputtel, Dornröschen, Rotkäppchen und Co. haben uns in unserer Kindheit treue Dienste geleistet. Durch sie wissen wir, was Moral bedeutet und wie wir den Bösewicht erkennen. Schaffst du es, auch in diesem krimschen Märchen der Neuzeit schwarz von weiß zu unterscheiden?

Es war einmal ein Warzenschweinbaby, das so eine hohe Stirn hatte, dass seine Eltern es nicht richtig lieben konnten. Sie sagten zwar stets, sie würden es ebenso sehr lieben wie seine Brüder, doch das Warzenschweinbaby merkte, dass es nicht so war. Wenn es Futter gab, bekamen seine Brüder stets den größeren Happen. Wenn es darum ging, sich im Dreck zu suhlen und die anderen Familienmitglieder sich gegenseitig mit Schlamm einrieben, stand das Warzenschweinbaby alleine da. Wenn seine Brüder mit den Eichelnmurmeln spielen durften, bekam es keine ab und saß am Spielfeldrand und musste zusehen, wie die anderen Schweinchen Spaß hatten. Auch in der Schule hatte es das Warzenschweinchen nicht leicht. Die anderen Ferkel hänselten es und nahmen ihm stets seine Eicheln weg.

Aus unglücklichen Kindern werden ungeliebte Teenager

Als das Warzenschweinchen in die Pubertät kam, trug es sich zu, dass ein hübsches Warzenschweinmädchen aus einem fernen Land in seinen Wald zog. Das Warzenschweinmädchen hatte die schönsten Hauer, die das Warzenschwein je gesehen hatte und so verliebte es sich. Doch die Liebe wurde nicht erwidert und das Warzenschweinmädchen wollte nichts mit ihm zu tun haben, da die vielen Pickel, die das Warzenschwein bekommen hatte, seiner Schönheit nicht sehr zuträglich waren. Und so verhielt es sich, dass das Warzenschwein alleine blieb. Es dachte bei sich: „Wer braucht schon Freunde und Mädchen, wenn er Macht und Geld haben kann?“ Es beschloss, zu studieren und arbeitete stets hart und lernte fleißig. Da es keine Freunde hatte, blieb genügend Zeit, um sich auf das Studium zu konzentrieren. Und so machte es seinen Abschluss als Jahrgangsbester und ging fortan in die Politik.

Warzenschwein

Das Warzenschwein arbeitete stets hart an sich. Copyright: Judith Bakeart

Die Macht des unliebsamen Warzenschweins

Der Aufstieg gelang ihm schnell und es arbeitete tagein tagaus, um seine Macht zu vermehren. Das Warzenschwein schaffte sich viele kleine Erdmännchen als Berater an, auf die es nicht hörte und kaufte sich einige keusche kleine Gänse, die für ihn Kaffee kochten und andere Dinge erledigten, über die das Warzenschwein nicht so gerne redete. Da es nun genug Geld hatte, kaufte es sich einen Privatjet und mehrere Jachten, auf denen es Partys feierte und lud oftmals einige junge Pfauendamen ein, die sich gerne von ihm aushalten ließen und andere Dinge erledigten, über die das Warzenschwein nicht so gerne redete.
Ihm gefiel das Gefühl, dass es alles haben konnte, wovon es jemals geträumt hatte und so nahm es sich auch alles, was es haben wollte. Die anderen Tiere fanden dies zwar bedenklich, aber dachten jedes bei sich: „Das ist doch bloß das Warzenschwein mit der viel zu hohen Stirn. Was soll es schon machen? Soll es sich doch ein wenig vergnügen und die Hauer abstoßen. Die anderen Warzenschweine werden es schon abwählen, wenn es ihnen zu bunt wird!“ Doch das Warzenschwein wurde nicht abgewählt, da es mittlerweile so viel Geld und so viel Macht hatte, dass jedes andere Warzenschwein etwas davon abbekam. Es war zwar nicht so viel, dass es dem Warzenschwein etwas ausgemacht hätte, aber doch genug, um die anderen Warzenschweine bei Laune zu halten.

Der Erwerb einer Urlaubsinsel

Eines schönen Tages jedoch wollte das Warzenschwein sich eine Urlaubsinsel kaufen. Es hatte genug Geld dafür, aber die Insel, auf die es ein Auge geworfen hatte, gehörte dem Hirsch und dieser wollte die Insel für kein Geld der Welt hergeben. Also bediente das Warzenschwein sich einer List und startete eine Umfrage unter den Inselbewohnern, die zum Teil aus Warzenschweinen und zum Teil aus Hirschen bestand, ob sie sich lieber ihm anschließen oder beim Hirsch bleiben wollen. Da das Warzenschwein viel mehr Eicheln und Bodenschätze bot als der Hirsch, stimmte ein Großteil der Inselbevölkerung zu, sich dem Warzenschwein anschließen zu wollen. Die noch fehlenden Stimmen zum Sieg wurden von den fleißigen Erdmännchen des Warzenschweins einfach gefälscht und schon gehörte die Insel ihm. Doch der Hirsch wollte sich das nicht gefallen lassen und bat die anderen Tiere um Hilfe. Diese trafen sich und hielten eine große Konferenz ab, zu denen nur die wichtigsten unter den Tieren eingeladen wurden. Dort gab es Kaffee und Kuchen und jedes Tier hatte eine große Aktentasche dabei, in der nichts drin war.

Urlaubsinsel

Das Warzenschwein ist glücklich über seine Urlaubsinsel. Copyright: Judith Bakeart

Kaffee und Kuchen lösen jedes Problem

Da das Warzenschwein mittlerweile zu mächtig geworden war und die anderen hohen Tiere nicht auf ihre Bodenschätze verzichten wollten, die sie vom Warzenschwein bekamen, beschlossen sie, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Doch einigen Inselbewohnern passte es nicht, dass sie plötzlich vom Warzenschwein regiert wurden. Sie mochten den Hirsch lieber und so zettelten sie zahlreiche Unruhen an, bei denen viele Hirsche und Wildschweine und auch einige andere Tiere, die nur ein paar Fotos machen wollten, ums Leben kamen. Also beriefen die hohen Tiere eine erneute Konferenz ein. Es gab wieder Kaffee und Kuchen und jedes Tier brachte seine große Aktentasche mit, in der nichts drin war. Sie schnatterten und zeterten wild durcheinander und beschlossen, dass das Warzenschwein sich nicht richtig verhielt. Mit dieser Erkenntnis gingen sie auseinander, zufrieden über das, was sie geleistet hatten.

Tierkonferenz

In ihren Konferenzen besprechen die Tiere, worum es im Leben wirklich geht. Copyright: Judith Bakeart

Der Geruch von verbranntem Hühnchen

Doch es blieb nicht bei den Unruhen auf der Insel. Eines Tages, beschloss eine Kranichfamilie aus dem Norden, ihre weit entfernten Verwandten im Süden, die Emus, zu besuchen. Sie hatten viele Geschenke aus ihrem Heimatland eingepackt, darunter ein paar hübsche Tulpen, mehrere Packungen Vanille-Vla und pikanten Käse. Nichtsahnend starteten die Kraniche ihre Reise um den halben Globus. „Was ist denn da unten los?“, konnte die Kranichmutter noch eben fragen, als sie die blitzartigen Feuerbälle, die von der Urlaubsinsel des Warzenschweins ausgingen, auf sich zu rauschen sah, welche neben einigen Federn nur noch den Geruch von verbranntem Hühnchen in der Luft übrig ließen.

Da die Kraniche sehr beliebt unter den Tieren waren und die Emus aus dem Süden Vergeltung für ihren Tod forderten, beriefen die hohen Tiere eine erneute Konferenz ein. Es gab wieder Kaffee und Kuchen und alle Tiere brachten ihre große Aktentasche mit, in der nichts drin war. Sie berieten sich darüber, wer denn nun Schuld sei an dem Abschuss der Kranichfamilie. War es der Hirsch oder das Warzenschwein oder vielleicht eine Unregelmäßigkeit im Raum-Zeitgefüge? Da jedes Tier dachte, es sei das Warzenschwein gewesen, sich aber niemand traute, dies zu äußern, da keiner auf die Bodenschätze des Warzenschweins verzichten wollte, gingen die Tiere erneut auseinander, zufrieden etwas geleistet zu haben.

Hühnchen

Jeder Krieg fordert seine Opfer. Copyright: Pixabay

Eine Hahnenkampfgeburtstagsfeier

Doch es blieb nicht dabei. Einige Friedenstäubchen hatten sich zum Ziel gemacht, die Lage auf der Urlaubsinsel zu beobachten. Sie flogen umher, machten sich Notizen und schossen einige Fotos. Doch plötzlich verschwanden sie und niemand wusste, was mit ihnen passiert war. Die hohen Tiere waren in Aufruhr. Wie sollten sie die Friedenstäubchen retten? Keiner hatte eine Idee, doch der stolze Hahn, wusste was zu tun war. Er kämmte sich sein gefärbtes und lichter gewordenes Haar zurück und sagte: „Ich bin mit dem Warzenschwein befreundet. Es hat mir schon früher viele Geschenke gemacht und vielleicht kann ich es dazu bewegen, sich eine andere Urlaubsinsel zu suchen.“ Also lud der Hahn das Warzenschwein kurzerhand in seine Villa ein und feierte mit ihm Geburtstag. Es gab viel Kaffee und Kuchen und die beiden tauschten Kochrezepte und Informationen über das Wetter aus. Am Ende hatte der Hahn noch mehr Geschenke und das Warzenschwein auch, obwohl es nicht sein Geburtstag war. Die Friedenstäubchen tauchten wie von Zauberhand wieder auf und alle waren glücklich.

Ein Leitschaf sammelt Kochrezepte

Leitschaf

Das Leitschaf ist ein hohes Tier im krimschen Märchen der Neuzeit. Copyright: Pixabay

Doch die Unruhen nahmen zu und es gab immer mehr tote Tiere. Also beschlossen die hohen Tiere, eine erneute Konferenz einzuberufen. Es gab viel Kaffee und Kuchen und alle Tiere brachten ihre große Aktentasche mit, in der nichts drin war. Nach dem Hahn stand nun das Leitschaf unter Zugzwang, etwas tun zu müssen. Also verabredete es sich mit dem Warzenschwein zu einem Vier-Augen-und-acht-Hufe-Gespräch in der Luxussuite des Warzenschweins. Das Gespräch ging sehr lange und das Leitschaf rief nach einigen Stunden den Chefsekretär der Tierkommission zu Hilfe, der ebenfalls in der Luxussuite verschwand. Gegen halb zwei Uhr nachts verließen das Leitschaf und der Chefsekretär die Suite, zufrieden und um einige Kochrezepte reicher.

Das krimsche Märchen der Neuzeit und die Moral

Das Warzenschwein lachte sich ins Hüfchen und dachte bei sich: „Wer sagt denn, es sei einsam an der Spitze? Ständig bekommt man Besuch von netten Freunden, denen man ein paar Bodenschätze schenkt, damit sie wiederkommen. Und für den Rest der Zeit habe ich immer noch meine kleinen Gänse, die mir die Zeit vertreiben, wenn ich einmal keinen Besuch von Freunden habe. Ich denke, ich werde mir noch eine neue Urlaubsinsel kaufen. Vielleicht sogar ein kleines Urlaubsland oder einen klitzekleinen Urlaubskontinent. Man kann ja nie wissen, wozu man das mal gebrauchen könnte.“ Also startete das Warzenschwein und machte sich alle anderen Tiere zu Untertanen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie noch heute in einer Konferenz und trinken Kaffee und essen Kuchen.

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