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Plastik ist fantastic

Plastik ist fantastic – worum es im Leben wirklich geht

„Hallo? Ist hier jemand?“, flüsterte sie.
„Ja, ich bin hier“, ächzte es und ein Rascheln, begleitet von einem Schwall unschöner Schimpfwörter, folgte.
„Was ist passiert? Warum ist es so dunkel und wo kommt dieser abscheuliche Gestank her?“ Die Frauenstimme zitterte ein wenig und klang verängstigt.

„Was glaubst du wohl, wo der Gestank herkommt?“, polterte ihr die Antwort entgegen.
„Keine Ahnung. Sonst würde ich ja wohl nicht fragen“, schoss sie schnippisch zurück. „Gerade eben saßen wir noch zusammen mit Teddy und Superman beim Kaffeekränzchen und dann kam Laura ins Zimmer und…–“
„…und hat uns weggeworfen! Ganz genau! Die kleine Prinzessin hat uns einfach so aussortiert. Hat nicht mal mit der Wimper gezuckt.“
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nein! Das durfte nicht sein. „Mich wirft man doch nicht einfach weg wie einen alten Teddybären!“ Tränen standen ihr in den Augen, als ihr Leidensgenosse zum nächsten Schlag ausholte.
„Und warum nicht, Babe? Glaubst du, nur weil du blond bist und Modelmaße hast, bist du unantastbar?“ Er lachte verächtlich. „Wach auf! Die Zeiten, in denen Mädchen mit Puppen gespielt haben, sind vorbei! Laura hat jetzt eine Playstation. Und mal ganz abgesehen davon, liegt Ted immer noch in ihrem Bettchen und brummt fröhlich vor sich hin.“

Wenn man aus Plastik ist, hat man es nicht leicht …

„Diesen alten Staubfänger hat sie behalten? Das ist ja unerhört! Oh Gott! Ken? Ich glaube, der Käse unter mir hat sich gerade bewegt… und dieser Fisch… der muss mindestens eine Woche alt sein… Das stinkt ja bestiiieeeeehh, in meinem Haar klebt ein Kaugummi! Ken, mach doch was! Meine Haare verfilzen noch vollkommen. Die müssten dringend mal durchgebürstet werden. Ich seh‘ schon fast aus wie Pocahontas!“ Angeekelt versuchte sie die klebrige Masse aus ihrem Haar zu entfernen und machte dabei alles noch schlimmer.

Barbie und Ken

Barbie und Ken sind im Müll gelandet. Copyright: Judith Bakeart

„Oh ja, ich müsste auch dringend nochmal durchgebürstet werden, wenn du verstehst, was ich…-“
„Das ist ja nicht zu fassen! Ihr Männer seid doch alle gleich! Wirst wie `ne alte Socke weggeworfen und denkst trotzdem nur an das Eine.“
„Du hast auch IMMER `ne andere Ausrede, Barbie! Typisch Frau! Mal ist es zu warm, mal zu kalt, dann hast du Migräne oder deine Tage. Da kommt es dir doch gerade gelegen, dass wir weggeschmissen wurden. Dann hast du wenigstens mal ´ne neue Ausrede! Du liebst mich gar nicht mehr!“ Ken zog ein benutztes Wattestäbchen aus seinem Ärmel und betrachtete es ausgiebig, während Barbie zu Höchstformen auflief.

Es riecht verdächtig nach … Ehekrach!

„Pah! Du bist es doch, der ständig diesem Schneewittchen-Flittchen schöne Augen macht! Schaut mich alle an, ich hab Lippen, so rot wie Blut, Haare so schwarz wie Ebenholz…Was ist das eigentlich, dieses Ebenholz? Und Haut so weiß wie Schnee… Wer will schon so bleich sein? Dann doch lieber eine gepflegte Bräune, so wie…-“
„Ach hör schon auf!“, schnaubte Ken verächtlich. „Dein Geplapper kann ja keiner mit anhören! Außerdem warst DU es nicht, die in letzter Zeit immer um Superman rumgetänzelt ist? Dieser Langweiler! Seit er im Ruhestand ist, ist mit dem gar nichts mehr los. Der könnte ja nicht mal mehr ´ne Fliege fangen!“

Der einfühlsame Superman

„Wenigstens nörgelt der nicht den ganzen Tag an mir rum, so wie du: Barbie, kauf‘ nicht so viele Schuhe… Wie siehst du denn heute wieder aus? Warst du etwa schon wieder auf der Sonnenbank? Bla…bla… Er akzeptiert mich so, wie ich bin.“ Barbie schaute sich um und entdeckte einen alten Topfdeckel, in dem sie sich ausgiebig betrachtete.
„Ja klar“, erwiderte Ken und raufte sich die Haare. Seine sonst so perfekt gescheitelte Frisur stand in allen Richtungen vom Kopf ab. „Weil er den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hat, als zu saufen und billige Pornos zu gucken! Du bist ihm dabei doch total egal! Hauptsache das Bier fließt!“

Betrunkener Superman

Wir alle haben Probleme. Copyright: Pixabay

„Laber doch keinen Stuss, Ken!“, schrie Barbie aufgewühlt, während sich ihre blauen Kulleraugen zu bedrohlichen Schlitzen verengten. „Und wenn es so wäre, dann ist das immer noch besser, als den ganzen Tag nur Autos im Kopf zu haben, du kleiner Prolet!“
„Du bist ja nur neidisch, weil DU nicht einparken kannst!“
„Ey, jetzt werd‘ nicht gleich persönlich, Mann! Ich schwöre, der Gartenzaun stand da vorher nicht!“ Barbie verschränkte die Arme und schleuderte schnippisch ihr Haar zurück. „Kann ich ja nichts dafür, wenn die mein Traumauto nur ohne Einparkhilfe produzieren. Dafür hast du nicht mal die Führerscheinprüfung bestanden.“
Ken lachte. „Aber einparken kann ich trotzdem! Nur weil ich auf der Autobahn nicht in den Rückspiegel geschaut habe. Das ist voll unfair! Kann dir ja nicht passieren. Du checkst doch ständig, ob deine Betonfrisur noch sitzt oder ob du deine Make-Up-Fratze erneuern musst. Das Zeug solltest du übrigens nicht wie Hautcreme verwenden. Das ist nämlich auch der Grund, warum die uns heute entsorgt haben. Ich habe alles gehört.“

Mütter können ganz schön nerven

„Was hast du gehört?“, fragte Barbie energisch.
„Warum Laura uns weggeworfen hat. Ich hab ganz genau gehört, wie sie sich mit ihrer Mutter über ihr Aussehen gestritten hat. Die Kleine denkt doch echt, sie wär fett und hässlich. Wollte sich ihre Brüste vergrößern lassen, um so auszusehen wie du! Das arme Ding! Und das mit ihren sieben Jahren! Als ob die jemals so einen krassen Body kriegen würde. Und was macht ihre Mutter? Sie schiebt die Schuld natürlich sofort auf dich.“
Barbie atmete tief durch. „Aber was kann ich denn dafür, dass ich so geil aussehe?“

„Das stimmt schon, Schatz. Du bist die Hübscheste! Mit deinen Traummaßen 39-18-33 machst du sogar den Kindern in Afrika Konkurrenz.“ Ken blickte seine Freundin verliebt an. „Aber Lauras Öko-Mama versteht einfach nicht, worum es in dieser Welt geht.“
„Um Geld?“, versuchte es Barbie.
„Nein“, antwortete Ken.
„Um Nächstenliebe?“

„Nein. In was für einer lila Wolken-Einhorn-Robert-Pattinson-Phantasiewelt lebst du eigentlich?“

Barbie denkt nach

„Hmmmm. Das ist ganz schön knifflig.“ Barbie überlegte und legte ihr Plastik dabei in Falten. „Uuuum Geld?“
„Das hatten wir doch schon, Barbie! Hast du dir schon wieder das Hirn gebotoxt?“ Ken verdrehte die Augen. „Nein, was ich sagen will ist, dass es in dieser Welt um mehr geht als um gutes Aussehen. Es geht auch um Anerkennung. Denn wenn man nicht mit so einem guten Aussehen gesegnet ist, wie wir es sind, dann muss man sich mit Anerkennung abgeben.“

Barbie denkt nach

Manche Dinge bereiten Barbie Kopfzerbrechen. Copyright: Judith Bakeart

„Willst du damit sagen, man soll sich selbst anerkennen und sich so lieben, wie Gott oder Mattel einen geschaffen hat?“, fragte Barbie verwirrt.
„Nein, du Dummerchen. Man muss diejenigen anerkennen, DIE mit so einem guten Aussehen gesegnet sind. Ist doch klar. Life in plastic is fantastic!“
„Ach so. Das macht natürlich Sinn! Du bist so schlau, Ken! Und jetzt brush my hair, undress me everywhere!“
„Come on Barbie, let’s go party!“

 

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